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30 Jahre Linux – mein persönlicher Rückblick

Heute vor 30 Jahren stellte ein finnischer Student im damals noch sehr prominenten Usenet ein Projekt vor. Es war Linus Torvalds und die Rede war von einem kleinen UNIX-ähnlichen Betriebssystem, welches vor allem auf günstigen 386/486 AT-Klonen lief. Linus interessierte sich für UNIX, konnte sich aber – wie die meisten Studenten und Hobbyisten damals – keine Hardware leisten, die UNIX ausführen konnte. Bei der Entwicklung seines noch namenlosen Betriebssystems (der Name Linux kam erst später) ließ sich Linus vom kostenfreien Lehrbetriebssystem Minix inspirieren. Seine Ankündigung stieß auf breites Interesse und der Rest ist Geschichte. 🙂

An der Stelle sei auch auf die 2001 erschienene Autobiografie “Just for Fun” von Linus Torvalds verwiesen – ein lesenswertes Buch

Ich selbst beschäftige mich ebenfalls recht lange mit dem quelloffenen Betriebssystem – zwar nicht seit 30, aber immerhin seit 16 Jahren. Zeit für einen Rückblick.

Meine ersten Schritte

Meinen ersten Kontakt mit Linux hatte ich um 2002. Damals, als Teenager, vertrieb ich mir die Zeit vor allem mit zwei Dingen: mit Videospielen (Half-Life, Counter-Strike, GTA 3, Motocross Madness 2) und damit kleinere Anwendungen in Visual Basic 6.0 zu programmieren. Ich teilte mir mit den Eltern einen Medion MD2000-Rechner mit folgenden Eckdaten:

Medion MD2000 in desolatem Zustand
  • Intel Pentium 3 @ 667 MHz
  • 17″ CRT-Display @ 1024×768 Pixel
  • 128 MB SD-RAM (welcher später auf dekadente 512 MB aufgerüstet wurde)
  • 20 GB Seagate IDE-Festplatte
  • 32 MB Nvidia TNT2 Pro
  • 56k Modem und später auch mit WLAN-Karte
Eine Aufstellung meiner sämtlichen alten Hardware gibt es hier

Der Rechner wurde mit zunächst mit Windows 98 SE und später XP betrieben. Parallel hatten wir unseren ersten 56k-Internetzugang und so dauerte es nicht lange, bis der erste Viren-Befall für Unmut sorgte (KazaaLinkinParkNumb.exe). Zu der Zeit las ich viele Zeitschriften (u.a. KnowWare, ComputerBild) und hörte von einem Betriebssystem, welches nicht für Viren anfällig ist: Linux.

In einem Magazin lag eine Kopie von SUSE Linux 7.2 bei, die ich testen wollte. Leider schaffte ich es irgendwie mit der Live-CD den Bootloader der verbauten Windows-Festplatte zu zerstören. Somit brachte mir der erste Kontakt mit Linux erstmal Ärger mit den Eltern ein, da der Rechner neu aufgesetzt werden musste und sämtliche persönlichen Daten verloren waren. Der erste eigene Webspace mit 50 MB (ohne FTP-Zugriff!) bei AOL war davon zum Glück nicht betroffen.

Ich vertagte das Linux-Experiment also erstmal bis 2004. Damals hatten wir glücklicherweise bereits DSL und der MD2000 war nun mein eigener Rechner (ein Medion MD3000 nahm die Rolle des Familienrechners ein) und so konnte ich bedenkenlos experimentieren. Wie der Zufall es wollte lag mal wieder eine Linux-CD in einem Magazin – diesmal war es SuSE Linux 9.2 Professional ComputerBild-Edition. Hier konnte ich erstmal testen, ohne mir den Bootloader zu zerschießen – unglücklicherweise funktionierten Grafik- und Soundkarte hier nur mäßig bis gar nicht. Und WLAN war zu diesem Zeitpunkt unter Linux ein ähnlich leidiges Thema – ziemlich ungünstig für einen Teenager, der gerade das IRC-Netzwerk für sich entdeckt hatte.

Den Gefallen an Linux hatte ich erst im Oktober 2005 gefunden, als ich auf Ubuntu 5.10 stieß. Es war die erste Distribution, die auf Anhieb sämtliche Hardware meines Rechners unterstützte und eine geringe technische Hürde für Einsteiger bot. Die benötigten Programme waren schnell installiert. Ich meldete mich in einigen Linux-Foren an und lernte so mehr über das Betriebssystem. Auf dem Familien-Rechner und -Notebook (Medion Titanium MD6200) wurde Ubuntu ebenfalls im Dual-Boot eingerichtet.

Ubuntu Satanic Edition

Ich probierte in dieser Zeit auch zahlreiche andere Distributionen aus – unter anderem: Kubuntu, Debian Sarge, Zenwalk, CRUX Linux und ArchLinux. Schlussendlich gefiel mir Ubuntu mit dem GNOME-Desktop aber am Besten – vor allem die erste LTS-Version 6.06. Neben einfachen Internet- und Office-Arbeiten fand ich auch einen Weg, Videospiele mittels Wine und Crossover (welches es immer mal wieder kostenlos gab) zu spielen – perfekt! Auf Holarse.net stieß ich auf einige quelloffene neue Spiele.

Linux in der Ausbildung und der erste Job

Thinkpad X21 und T42 (2009)

2007 begann ich eine Ausbildung zum Informationstechnischen Assistenten (ITA) – für die Berufsschule leisteten mir ein Toshiba Satellite Pro 4360 und später ein IBM Thinkpad T42 wertvolle Dienste. Auf diesen lief ebenfalls Ubuntu, während zuhause eine SUN Ultra 10 mit Debian betrieben wurde (we have joy, we have fun, we have Linux on our SUN) um in HTML und PHP zu entwickeln. 2007 fand auch die erste deutsche Ubucon (Ubuntu Conference) in Krefeld statt – ich traf mich dort mit einigen Bekannten aus dem Ubuntu-Forum. Zu der Zeit arbeitete ich auch an einer eigenen Ubuntu-Distribution speziell für ältere Rechner wie meine Notebooks. Sie hieß Ubuntox und schaffte es nie über ein Alpha-Stadium hinaus.

Bis zum Beginn der nächsten IT-Ausbildung zwei Jahre später blieb ich bei Ubuntu, bevor ich zu CentOS wechselte. Durch CRUX Linux habe ich jedoch viel über Linux gelernt – vor allem über das Kompilieren von Kerneln und Anwendungen. Es dauerte mehrere Tage, bis ich den ersten Boot erfolgreich hinbekommen habe – ein echtes Erfolgserlebnis. Zu dieser fing ich auch an diesen Blog zu betreiben. Anfangs dokumentierte ich nur neu erstandene Hardware, später folgten erste Notizen und Tutorials rund um Linux. Parallel zum Blog betrieb ich einige Jahre lang ein Wiki, welches nun aber nur noch als Archiv dient.

Poor man’s DNS im Homelab (2007)

In meinem Ausbildungsbetrieb setzten wir RHEL und CentOS für verschiedene Zwecke ein. Da es bisher noch keinen Linux-Administrator gab, war es meine Aufgabe den Wildwuchs zu bereinigen. So gab es beispielsweise ungepatchte und nicht gerade sinnvoll konfigurierte RHEL 3.6-Installationen. Mit RHEL tat ich mir zunächst schwer, da es in vielerlei Hinsicht ganz anders funktionierte als die mir damals sehr vertraute Debian-Basis – insbesondere mit SELinux hatte ich anfangs meine Probleme.

Nach meiner Ausbildung standen erste Linux-Zertifizierungen an. Außerdem stand ich vor dem Problem, dass ich inzwischen mehr Server hatte, als ich in 8 Stunden verwalten konnte – ein Verwaltungswerkzeug musste her. Mit Red Hat Satellite 5 fand ich ein solches – im Homelab wurde das kostenfreie Upstream Spacewalk eingesetzt. Generell setzte ich damals vieles, was ich im Job brauchte, auch privat ein um mich intensiver damit zu beschäftigen. So hatte ich VMware ESXi-Server, Nagios und später Icinga sowie eine Hand voll verschiedener Linux-VMs im Einsatz. Mit der ersten eigenen Wohnung verschwanden die Server jedoch wieder und wurden durch stromsparendere Mini-Server oder Raspberry Pis ersetzt.

Ich arbeitete einige Jahre lang als Linux-, UNIX– und VMware-Administrator. Ich sammelte viel Erfahrungen mit Linux im mittelständigen Umfeld. Den kurzen Ausflug ins UNIX-Lager mit HP-UX 11i (unter PA-RISC und Itanium2) fand ich auch spannend – jedoch hat sich schnell gezeigt, dass die Zeit proprietärer Unices vorrüber ist und ich mich unter Linux wohler fühle.

Mein erster FrOSCon-Vortrag (2014)

Ich arbeitete täglich mit Open Source-Technologie und so war es mir wichtig auch etwas zurückzugeben. Für die Mitarbeit am Quellcode großer Projekte hat es nie gereicht – aber ich gab ja schon einige Zeit lang Wissen in Form von Blog- und Wiki-Artikeln weiter. 2014 begann ich Konferenzen (wie z.B. die FrOSCon) regelmäßig zu besuchen und auch zum Vortragsprogramm beizutragen. Parallel entdeckte ich GitHub und veröffentlichte selbst entwickelte Monitoring-Plugins und andere kleinere Tools.

Linux as Code

2018 war es Zeit für einen beruflichen Wechsel und ich nahm eine Stelle zum System Engineer an. Fortan beschäftigte ich mich natürlich wieder mit Linux – aber aufgrund der Kundenvielfalt diesmal mit wesentlich breiterem Fokus. Da jeder Kunde anders ist muss ich viel über den Tellerrand schauen. Als erstes beschäftigte ich mich intensiv mit openSUSE und SUSE Linux Enterprise Server – die Distributionen, um die ich seit 2002 einen großen Bogen gemacht hatte. Seither hat sich viel geändert – zum Positiven (wenn man mal YaST außer Acht lässt). Zwischendrin stoße ich immer mal wieder auf Debian, Ubuntu oder andere Distributionen – das macht das Ganze spannend. Konsequenterweise habe ich privat und beruflich einen vollständigen Wechsel auf Linux als Desktop-Betriebssystem vollzogen, um mich intensiver mit dem Betriebssystem zu beschäftigen.

Im Grund lässt sich aber eines sagen – Linux wird aus Applikationssicht immer uninteressanter. Die Zeiten in welchen Linux ein brandneues Thema war sind schon lange vorbei. Die Angebote von Enterprise-Distributionen ähneln sich und sind ersetzbar geworden – sie “funktionieren einfach“. Viele Anwender:innen konsumieren Linux einfach bei einem Anbieter – als VM oder als Container. Um die Technik werden sich zunehmend weniger Gedanken gemacht. Man gerät tagtäglich in Kontakt mit Linux ohne es unmittelbar zu wissen.

Das passt hervorragend in den Infrastructure as Code-Ansatz, mit welchem ich mich jetzt außeinandersetzen musste. Mein Technologie-Stack war vorher meist sehr klar definiert: VMware als Hypervisor und RHEL oder CentOS als Betriebssystem. Jetzt jedoch sah jede Landschaft anders aus, also begann ich mich mit Puppet, Chef, SaltStack und Ansible zu beschäftigen, wenn es darum ging Systeme zu konfigurieren. Statt auf VMware setzte ich fortan auf generische Tools wie Terraform oder Vagrant um die benötigte Infrastruktur bereitzustellen – egal, auf welcher Plattform.

Auch wenn sich technisch viel getan hat, gibt es glücklicherweise viele der damaligen “Early Adopters” noch. Slackware ist als älteste aktive Linux-Distribution erfreulicherweise nicht totzukriegen. SUSE hat eine sehr bewegte Geschichte mit vielen Höhen (Aquisition von Rancher 2020, Börsengang 2021) und Tiefen (Aufkauf durch Novell, Attachmate Group, EQT Partners AB) hinter sich – liefert aber immer noch sehr zuverlässig wertvolle Arbeit in der Community. Red Hat hat sich seit seiner Gründung stets als innovativer Distributor gezeigt – stets am Nabel der Zeit; auch wenn sich die Prioritäten seit der Aquisition durch IBM geändert zu haben scheinen. Canonical hat Ubuntu zur beliebtesten Distribution im Desktop- und Hosting-Umfeld verholfen und das Debian-Projekt profitiert von einem regen Code-Austausch. Auch wenn das Thema “Linux auf dem Desktop” nach wie vor eine Neverending Story ist hat sich hier durch Ubuntu sehr viel getan.

Leider sind auch einige Linux-Distributionen im Laufe der Jahre eingestellt worden – beispielsweise Mandriva Linux, Yellow Dog Linux (welches die Entwicklung des Red Hat-Paketmanagers YUM beeinflusste) und – ganz aktuell – CentOS. Glücklicherweise ist das Einstellen einer Distribution auch eine Chance für einen Fork – so geschehen mit Rocky Linux und AlmaLinux.

SUSECON Digital 2021

Die Freude am Weitergeben von Wissen habe ich nicht verloren – im Gegenteil. Als Berater werde ich oft für Workshops und Schulungen gebucht und kann so weiterhin “etwas zurückgeben“. Auf Konferenzen bin ich nach wie vor vertreten – oft als Speaker, manchmal auch einfach nur als Teilnehmer. Ein Highlight war für mich die Teilnahme an der SUSECON 2021 – pandemiebedingt leider nur virtuell.

Fazit

Die letzten 16 Jahre mit Linux waren spannend. Ich habe sehr viel gelernt, viele interessante Menschen getroffen und auch beruflich hat sich viel bei mir getan. Als 15-jähriger hätte ich damals nie erahnt, dass mich das Thema so begeistern würde (insbesondere nach den ersten negativen Erfahrungen).

Technologien haben sich in den letzten Jahren sehr verändert und Linux wird immer mehr zum generischen Konsumgut – aber auch in modernen Hype-Themen hat man immer wieder starken Kontakt zum quelloffenen Betriebsystem. Im Markt der Enterprise-Distributionen wünsche ich mir mehr Diversität – dass die aktuellen Vertreter ihre Position sehr gut kennen wurde in der Vergangenheit schon mehrfach bewiesen. Ich bin gespannt, inwiefern sich Linux in den nächsten Jahren verändern wird – langweilig wird es sicherlich nicht. Auf die nächsten 30 Jahre! 🙂

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