Intel Itanium – leises Sterben einer RISC-Ära?

Letztes Jahr im März hatte Oracle verlauten lassen, dass der Support für Intel Itanium-Architektur eingestellt wird. HP war davon sehr überrascht, was sich letztendlich in einem langen (und immer noch andauernden) Gerichtsstreit bündelte.

Diesen Dienstag hatte HP gefordert, dass Oracle gerichtlich dazu gezwungen wird die Itanium-Architektur so lange zu unterstützen, wie Integrity-Systeme von HP angeboten werden. Oracle konterte, HP würde um einen Vertrag kämpfen, den sie nicht haben. Für viele Firmen forcierten diese Entwicklungen einen Umschwung in ihrer IT – aus durchaus verständlichen Gründen.

Bei seiner Einführung 2001 hatte der Itanium-Prozessor anfänglich massive Probleme sich zu etablieren – dies war auch der Grund für den „liebenswerten“ Kosennamen „Itanic“ (in Anlehnung an den Untergang der Titanic). Nach der ersten Itanium-Generation hat sich später in vielen mittelständischen und großen Firmen jedoch insbesonders die Kombination „Itanium + HP-UX + Oracle + SAP“ als sehr robust und business-tauglich erwiesen.

In der UNIX-Welt existieren drei „große“ Systemphilosophien, zu denen neben Solaris und AIX auch HP-UX zählt. Bei Solaris hat sich schon sehr früh ein „Öffnungsprozess“ gezeigt, der dazu führte, dass Solaris nicht nur auf der eigenen SPARC(64)-Architektur, sondern auch auf herkömmlicher x86-Hardware lauffähig ist. Und genau hier liegt, meiner Meinung nach, das größte Manko HP-UX’s – die starke und nicht mehr zeitgemäße Architekturbindung. HP-UX läuft in aller Regel ausschließlich auf der Itanium- oder der eigenen und mittlerweile nicht mehr erhältlichen PA-RISC-Architektur. HP hat aktuell keine konkrete Pläne, HP-UX auf die x86-Architektur zu portieren. Für viele Kunden ist die Itanium-Architektur nicht mehr zeitgemäß – die Systeme sind sehr stabil, aber dafür sehr teuer und müssen immer öfter günstigeren x86-Systemen weichen (diese Entwicklung erlebe auch ich derzeit). Solaris‘ Power kommt auch auf x86-Maschinen zum Tragen.

Das Ganze hat historische Gründe – zu Zeiten des „HP-UX-Booms“ war die Leistung von x86-Prozessoren noch relativ unspektakulär und unzureichend für rechenintensive Applikationen. Insbesondere in den letzten Jahren haben zahlreiche bahnbrechende Entwicklungen dem x86 einen massiven Schub verpasst – x86-Systeme sind mittlerweile mindestens genau so leistungsfähig wie ein vergleichbares Itanium-System und sind dabei wesentlich günstiger. Für besonders rechenintensive Applikationen hat eine andere Architektur den ehemaligen Platz des HP Superdome’s eingenommen: IBM POWER. Diese Entwicklung ist auch deutlich der Top500-Liste zu entnehmen.

Die Frage ist – schafft HP-UX den Sprung auf den x86? Historisch betrachtet stellt der Itanium eine „design-technische Re-Interpretation“ der PA-RISC-Architektur dar – diese unterscheidet sich stark von der einer klassischen x86-CPU. Vermutlich ist diese Portierung von sehr großen Aufwand, sodass es mittlerweile ohnehin schon zu spät ist, sofern HP nicht schon in der Vergangenheit entsprechende Entwicklungen gestartet hat. Die Portierung dürfte für HP-UX also ohnehin eher ein langfristiges Ziel darstellen. Es gab vor langer Zeit Pläne HP-UX auf x86 zu portieren – dieses Projekt wurde jedoch eingestellt.

Ich beschäftige mich in letzter Zeit verstärkt mit UNIX – insbesondere mit Solaris und HP-UX. HP-UX hat für mich einen besonderen Charme, weil es – meiner Meinung nach – recht simpel zu administrieren ist und mit seinem robusten Design überzeugt. Als Linux-Administrator hatte ich wenig Probleme beim Erlernen der notwendigen Materie. Auf Solaris fühle ich mich derzeit noch ein wenig „unbeholfen„, da viele Dinge einfach stark von denen herkömmlicher Unices und unixoiden Systemen abweichen (beispielsweise die Dienstverwaltung). Ich fände es schade, wenn ein System, welches lange Zeit in der IT einen Defacto-Standard-Status genoss, leise stirbt.

Doch die negative Entwicklung des Itaniums wirkt sich nicht nur auf HP-UX aus – für mich stellt sich unter anderem die Frage, was mit OpenVMS geschiet. Seit einiger Zeit gilt mein Interesse auch diesem spektakulärem Betriebssystem. OpenVMS ist eines der ältesten (und dabei noch aktiven) Betriebssysteme – es lief ursprünglich auf der VAX-/Alpha-Hardware von Digital. Nachdem Digital von Compaq und Compaq von HP gekauft wurde, gelang die Portierung auf die Itanium-Architektur, die der Alpha-Architektur bedingt ähnelt. OpenVMS wird auch heute noch verstärkt für sicherheitskritische Applikationen, wie beispielsweise die Steuerung von großen industriellen Anlagen (Ölanlagen), verwendet. Der Tod des Itanium würde auch den Tod von OpenVMS bedeuten.

 

Es bleibt abzuwarten, welche technischen Entwicklungen sich in der Itanium-Welt ergeben werden. Technisch betrachtet geriet der Itanium schon vor einiger Zeit ins Stagnieren und benötigt dringend ein technisches Facelift, um sich mittel- bis langfristig der rasanten Entwicklung der x86-Welt behaupten zu können.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: HP-UX auf Itanium? Hoax oder ersehnte Portierung? | /var/pub/chris_blog

Schreibe einen Kommentar