Die Qual der Wahl: Ultra-Weitwinkel-Objektive

Insbesondere bei Sight-Seeing ist es oftmals notwendig, eine große Szene auf einem Bild einzufangen. Hier ist es von Vorteil, wenn man ein Weitwinkel- oder Ultra-Weitwinkel-Objektiv (UWW) in der Tasche hat. Nachdem ich vor längerer Zeit mal die Gelegenheit hatte, mit einem Canon EF 8-15mm f/4L Fisheye USM zu fotografieren, stand ein vergleichbares Objektiv (mit einem extremen Bildwinkel) auf meiner Wunschliste.

Fisheye-/UWW-Blickwinkel

Fisheye-/UWW-Blickwinkel

Wichtig ist an dieser Stelle, das die Objektive, auf die eingehe, keine Fisheye-Objektive, sondern lediglich UWW-Objektive sind. Der Unterschied erscheint auf dem Datenblatt vermeintlich klein, hat aber eine enorme Auswirkung auf den Bildausschnitt. Fisheye-Objektive bilden einen diagonalen Bildwinkel von bis zu 180°, während UWW-Objektive in der Regel „nur“ bis zu ca. 120° bieten. Das kommt auf Fotos vor allem klaren Linien zugute – diese erscheinen bei Fisheye-Objektiven rund, während UWW-Objektive die durch das menschliche Auge erfasste natürliche Wirkung noch aufrecht erhalten.

Auswahlkriterien

Wie bei Vielem war das Budget der limitierende Faktor bei der Produktauswahl. Sehr gerne hätte ich das oben erwähnte Canon Fisheye-Objektiv gekauft. Es bietet eine exzellente Abbildungsleistung und Haptik – aber mit über 1000 Euro Neupreis sprengte dieses mein Budget von maximal 650 Euro. Ein weiteres Kriterium war der Kameratyp – da ich derzeit nicht den Kauf einer Vollformat-DSLR plane, reichte hier ein Objektiv für APS-C Kameras.

Nach einiger Rechercharbeiten bin ich auf die folgenden Produkte gestoßen:

Produkt Link Antriebsart UVP Amazon
Tokina 11-16mm f/2.8 AT-X Pro DX [Klick!] Ultraschallmotor 599 € 530 €
Canon EF-S 10-22mm f/3.5-4.5 USM [Klick!] Ultraschallmotor (USM) 689 € 500 €
Canon EF-S 10-18mm f/4.5-5.6 IS STM [Klick!] Steppermotor (STM) 279 € 230 €
Sigma 8-16mm f/4.5-5.6 DC HSM [Klick!] Ultraschallmotor (HSM) 999 € 630 €
Sigma 10-20mm f/3.5 EX DC HSM [Klick!] Ultraschallmotor (HSM) 899 € 450 €

 

Beim näheren Betrachten der Objektive und Lesen zahlreicher Testberichte kristallisierten sich mir weitere Anforderungen heraus:

  • Weniger als 10mm Anfangsbrennweite – um den extremen Weitwinkel-Look zu erhalten
  • Bildstabilisator nicht zwingend notwendig – da ich nicht filme oder längere Belichtungszeiten ohne Stativ wähle
  • Hohe Randschärfe – bei einigen UWW-Objektiven oftmals ein Manko

Zeit einen Blick auf weitere Details der Objektive zu werfen:

Produkt Filter Gewicht Linsen/Gruppen [popover text=“Maximal diagonal darstellbarer Bildwinkel“ trigger=“hover“ placement=“top“]Bildwinkel[/popover] Extras
Tokina 11-16mm 77mm 550g 13/11 104,0° Gegenlichtblende
Canon 10-22mm 77mm 385g 13/10 107,3°
Canon 10-18mm 67mm 240g 14/11 107,3° Bildstabilisator
Sigma 8-16mm 75mm 555g 15/11 121,2° Tasche/Gegenlichtblende
Sigma 10-20mm 82mm 520g 13/10 109,7° Tasche/Gegenlichtblende

 

Das Tokina-Objektiv ist bei mir aufgrund der höchsten Brennweite und Verarbeitungsqualität ausgeschieden – insbesondere letzteres wurde in vielen Testberichten und Reviews bemängelt. Die Canon-Objektive erschienen auch durchaus interessant – doch, falls möglich, wollte ich ein Objektiv mit einer Anfangsbrennweite unterhalb 10mm. Das Canon EF-S 10-18mm f/4.5-5.6 IS STM wäre ein interessanter Kandidat, wenn Videographie auch von Interesse ist, da es als einziges Objektiv einen Bildstabilisator bietet und auch die STM-Technik beherrscht. Insbesondere beim Filmen können STM-Objekte kontinuierlich scharfstellen. Es blieben also nur die beiden Sigma-Objektive, wobei das 10-20mm wegen der Anfangsbrennweite von 10mm eher uninteressant erschien.

Sigma 8-16mm vs. Sigma 10-20mm

Aus oben genannten Gründen, habe ich mir die beiden Sigma-Objektive bei einem Händler für einige Tage ausgeliehen. Ich hatte also die Möglichkeit, beide Objektive ausgiebig auszuprobieren und konnte so auch testen, ob sich die Internet-Erfahrungswerte bestätigten. 🙂

Wie auch andere Hersteller, verwendet Sigma einige Buzzwords, um die einzelnen Features und Vorzüge der Objektive zu bewerben. Anbei ein Auszug für die oben erwähnten Objektive:

Fachbegriff Erklärung
DC Für APS-C Kameras optimiert (obwohl der Sockel auch auf Vollformat-Kameras passt)
HSM Hyper Sonic Motor, Ultraschallmotor. Effekt: schnelle und leise Fokussierung.
EX Lichtstarkes Objektiv (gewöhnlich 3.5 durchgehend oder besser)
IF Internal Focussing, Linsengruppen werden innerhalb des Objektivs bewegt. Effekt: schnellere Fokussierung, robustere Bauweise möglich.
ASP Aspherical lens, aspherisches Objektiv. Effekt: schärfere Bilder durch automatische Korrigierung von Abberationen, kleinere und leichtere Bauweise möglich.

 

Beide Objektive sind mit über 500g Gewicht recht schwer, sie wirken sehr hochwertig und liegen angenehm in der Hand. Das Gehäuse besteht aus hochwertigem Plastik, es gibt keine wackelnden Teile – alles wirkt sehr gut aufeinander abgestimmt. Ein Entfernungsmesser assistiert beim Fokussieren. Der Anschluss besteht bei beiden Objektiven aus Metall, was eine gewisse Langlebigkeit sicherstellen dürfte. Bemerkenswert ist, dass Sigma beiden Objektiven eine Gegenlichtblende und eine Tasche beilegt, die auch an einem Gürtel getragen werden kann. Dafür muss man bei den meisten anderen Herstellern zusätzliches Geld investieren – klasse!

Beide Objektive bieten zweifelsfrei eine gute Abbildungsleistung. Ich konnte bestätigen, dass das 8-16mm an den Bildrändern eine höhere Schärfe bietet als das 10-20mm. Ich war sehr davon überrascht, dass das 8-16mm trotz der schlechteren Lichtstärke in unvorteilhaften Lichtverhältnissen dennoch akzeptable Bilder erzeugt (siehe Galerie). Sollen die Bilder in einer solchen Situation jedoch besser als nur akzeptabel sein, ist das 10-20mm die bessere Wahl. Ich persönlich verwende das UWW-Objektiv insbesondere für Sight-Seeing bei Tageslicht – daher stört mich die schlechtere Lichtstärke nicht. Beim Fotografieren habe ich mich dabei ertappt, nahezu immer in der 8mm-Einstellung zu fotografieren. In dieser Einstellung lassen sich irrwitzige und beeindruckende Perspektiven wählen – angesichts des Crop-Faktors meiner APS-C Kamera (1,6) ist der Unterschied zwischem dem 8-16mm (effektiv 12,8-25,6mm) und 10-20mm (effektiv 16-32mm) beachtlich. Das 8-16mm macht einfach extrem viel Spaß – insbesondere das Fotografieren von Menschen ist äußerst unterhaltsam.

Im Internet bin ich auf eine interessante Webseite gestoßen, die die Abbildungsleistung beider Objektive detailliert vergleicht: [klick mich!]

Hier können die einzelnen Bilderregionen nebeneinander betrachtet werden. Hier zeigt sich auch, dass das 8-16mm eine höhere Randschärfe aber auch Vignettierung aufweist.

Auf PixelPeeper finden sich zahlreiche weitere Beispielfotos des 8-16mm und 10-20mm.

Fazit

Eine klare Kaufempfehlung kann ich hier nicht aussprechen. Diese Entscheidung sollte immer auf Basis eigener Erfahrungswerte erfolgen – ich empfehle daher, alle Objektive genauer zu beobachten und auch auszuleihen. Die einzelnen Hersteller und viele Fachgeschäfte bietet bei Interesse einen entsprechenden Leihservice an.

Ich persönlich habe mich aufgrund der Brennweite für das Sigma 8-16mm f/4.5-5.6 DC HSM entschieden. Insbesondere die Anfangsbrennweite von 8mm erzeugt phantastische Perspektiven – ich fotografiere die meiste Zeit in dieser Einstellung. Bei schlechteren Lichtverhältnissen ist die Abbildungsleistung noch akzeptabel (siehe Galerie) – hier hätte ich weitaus schlechtere Ergebnisse erwartet.

Wenn auch dunklere Szenen aufgenommen werden sollen, würde ich auf das Sigma 10-20mm f/3.5 EX DC HSM zurückgreifen, welches in diesem Test auch das beste Preis-/Leistungsverhältnis bietet. Wer das Ultra-Weitwinkel-Objektiv auch zum Filmen ohne Stativ verwenden möchte, dürfte mit dem Canon EF-S 10-18mm f/4.5-5.6 IS STM glücklick werden.

Links und Beispielfotos

Anbei einige Links zu Testberichten der einzelnen Objektive:

  • Tokina 11-16mm Hand-on Review von DigitalRev: [klick mich!]
  • Canon EF-S 10-20mm USM Hands-on Review von Christopher Frost Photography: [klick mich!]
  • Canon EF-S 10-18mm IS STM Hands-on Review von DigitalRev: [klick mich!]
  • Sigma 8-16mm Hands-on Review von Christopher Frost Photography: [klick mich!]
  • Sigma 10-20mm Hands-on Review von Christopher Frost Photography: [klick mich!]

Zum Abschluss noch einige Beispielfotos:

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hi,

    ich habe vor kurzen genau vor der gleichen Frage gestanden und für meine Voll-Format meinen Preis/Leistungssieger gefunden: Samyang 14mm F2.8
    Manueller Fokus an der Canon aber sonst top!

    Gruß
    Andreas

    • Hey Andreas,
      danke für den Beitrag! Das Samyang hatte sich mir jeglicher Aufmerksamkeit entzogen. Liest sich auf jeden Fall gut.
      Schade nur, dass der Fokus manuell erfolgen muss. Bezieht sich das lediglich auf die Vollformat-Kamera, oder auch auf APS-C Kameras? Welche Kamera besitzt Du denn?

      Beste Grüße,
      Christian!

      • Hi Christian,

        Leider kann das Objekt mit Canon EF Bajonett kein Autofokus, da die Kontakte nicht durchgereicht werden (bei Nikon schon :-/). Auto-Focus ist für die meisten Sachen nicht so wichtig, wenn man nicht gerade Portrait-Fotografie damit machen will. Abblenden und dann ist alles scharf oder schnell via Live-Preview schauen…. Aber ja, Point&Shot geht damit nicht.

        Das Öffnungsverhältnis von 2.8 erlaubt auch die Verwendung von einer Schnittbildindikator-Einstellscheibe an der DSLR. Ich fotografiere im Moment noch mit meiner 5DM2, habe mir aber noch keine andere Einstellscheibe gekauft, bisher noch nicht benötigt.

        Gruß
        Andreas

  2. Hallo zusammen,
    bei Interesse an UWW für APS-C: Samyang 10mm F2.8. Ist speziell für APS-C und erbringt immerhin 16mm Vollformat-Aquivalent für Canon, 15 mm für Nikon. Auf meiner Website (ochsenfeld.space) berichte ich; von dort gehen Links auf Videos (dt. + engl.), die ich zusammengestellt habe, um Beispielfotos zeigen zu können. Meine persönliche Meinung: Im UWW-Bereich vergesst ALLE Zooms. Nehmt das manuelle Objektiv in Kauf. Der Aufwand bis zum Auslösen der Kamera ist größer – aber der wahre Spaß kommt dann auf, wenn man die Datei auf dem Computer zieht (und ggf. nachbearbeitet): DAS ist Freude am Bild!
    Herzliche Grüße
    Gerhard Ochsenfeld

Schreibe einen Kommentar